Schlüsseltexte der friesischen Bewegung - Übersicht

Die Entwicklung des Selbstbewusstseins der Nordfriesen als Volk oder Volksgruppe, als sprachliche oder autochthone Minderheit ist nachvollziehbar anhand von Texten. Sie wurden verfasst von Menschen, die unter politischen, kulturellen oder gesellschaftlichen Aspekten Stellung bezogen haben zum Friesischen und zu den Friesen. Auf der Grundlage der Forschungsliteratur zur Geschichte der friesischen Arbeit in Nordfriesland wurden die im Folgenden aufgeführten Texte digital zusammengestellt. Auszüge aus den wesentlichen Forschungsarbeiten zur Entwicklung der friesischen Bewegung geben einen Überblick über deren einzelne Phasen. (Die meisten Texte sind als Faksimile wiedergegeben, einige als Transkription, erstellt von Projektbearbeiter Fiete Pingel.)
Die Beschäftigung mit friesischer Sprache, Geschichte und Identität nahm in der Zeit der Romantik einen Aufschwung. Als Reaktion auf die rein rationalistisch ausgerichtete Aufklärung formulierten Dichter und Denker die Vorstellung von der Verwurzelung des Menschen in der Gemeinschaft, in dem durch eigene Geschichte und Sprache geprägten Volk. Wesentliche Impulse gingen dabei von Gedanken des Theologen und Philosophen Johann Gottfried Herder (1744–1803) aus. Er maß den Völkern den Charakter von Organismen, von Lebewesen zu. Sie können daher Rechte beanspruchen, die den an die lebende Person gebundenen Menschen- und Bürgerrechten entsprechen. Der Historiker Andreas Ludwig Jakob Michelsen schrieb in seiner Studie „Nordfriesland im Mittelalter“ 1828: „Für einen Jeden glühe das erwärmende Feuer seines gemeinnütziges Wirkens tief in dem geistigen Boden seines Vaterlandes. Es werde in jeglichem Herzen die Gesammtkraft des Volkes, in dem es heimisch ist, zum Bewußtseyn gebracht.“ Die Beschäftigung mit der Geschichte des eigenen Volkes sollte Impulse geben für politisches Denken in der eigenen Zeit.
In der Mitte des 19. Jahrhunderts gelangten einige Autoren in Nordfriesland zu der Auffassung, dass es sich bei den Friesen um ein eigenes Volk handelt, dessen Tradition ebenso gepflegt werden sollte wie die Traditionen anderer Völker. Die eigene Sprache bildete ein wesentliches Merkmal nationaler Identität. Der Pastor Christian Feddersen (1786–1874) suchte, die Friesen zu ethischem Verhalten zu erziehen. Der Revolutionsdichter Harro Harring (1798–1870) startete einen idealistischen Versuch, die überlieferte Freiheit in einer republikanischen Gegenwart zum Tragen zu bringen. Die junge friesische Bewegung sah sich allerdings überschattet durch den Gegensatz der ungleich stärkeren Nationalbewegungen in Dänemark und in Deutschland. Das „Volksfest der Nordfriesen“ 1844 war eine Demonstration für ein deutsches Schleswig-Holstein. Zahlreiche Dokumente zur friesischen Arbeit sind abgedruckt im zweiten Band von Thomas Steensen: „Die friesische Bewegung in Nordfriesland im 19. und 20. Jahrhundert“, darauf wird jeweils hingewiesen.
Mit dem Übergang Schleswig-Holsteins und damit auch Nordfrieslands an das Königreich Preußen 1867 und an das neue deutsche Kaiserreich 1871 veränderten sich die politischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen von Grund auf. Das alte Nordfriesland war eine ökonomisch starke Region im agrarisch geprägten dänischen Gesamtstaat. Das Gebiet rückte nun an die Peripherie einer sich entfaltenden Industriegesellschaft. Nach anfänglichem Unbehagen und einigen Widersetzlichkeiten wurden die Nordfriesen zum Ende des 19. Jahrhunderts hin in ihrer Mehrheit überzeugte Untertanen in einem sich kraftvoll entwickelnden Deutschland. Dazu trug nicht zuletzt der Schulunterricht bei, der die Geschichte Preußens als die eigentliche „vaterländische“ Geschichte auch Nordfrieslands erscheinen ließ. Es wurden Vereine gegründet, die als Teil der in ganz Deutschland sich herausbildenden Heimatschutzbewegung anzusehen sind. Träger dieser Vereine war vor allem das gebildete Bürgertum. Angestoßen auch durch Impulse von den Friesen in den Niederlanden, bemühten sich die Vereine weiterhin um die Förderung der friesischen Sprache und um die Verbreiterung und Vertiefung des Bewusstseins für den Eigenwert der friesischen Kultur. Was den 1902 gegründeten Nordfriesischen Verein für Heimatkunde und Heimatliebe anbelangt, wurden die Friesen als Angehörige des deutschen Volkes angesehen. Gleichwohl war weithin anerkannt, dass die friesische Sprache eigenständige Wurzeln besitze.
Die Entwicklung nach dem Ersten Weltkrieg war nachdrücklich geprägt vom Gegensatz zwischen Deutschland, das schwer an der Kriegs-Niederlage trug, und Dänemark, dessen Grenze durch zwei Volksabstimmungen im Jahre 1920 auf die heutige Linie vorgeschoben wurde. Das hasserfüllte Gegeneinander wirkte in die friesische Bewegung hinein, insbesondere seit 1923 der Friesisch-schleswigsche Verein gegründet worden war, der – geführt von seinem Gründungs-Vorsitzenden Johannes Oldsen (1894–1958) – die Friesen als eigenes Volk und damit in Deutschland als nationale Minderheit betrachtete. Der Nordfriesische Verein engagierte sich dagegen als Hüter des Deutschtums im neu gestalteten Grenzland. Vordenker waren Lorenz Conrad Peters (1885–1949) und Rudolf Muuß (1892–1972). Muuß setzte als Vorsitzender des Vereins 1926 die „Bohmstedter Richtlinien“ durch, die in einer Unterschriftensammlung mehr als 13 000 Unterstützer fanden. Darin heißt es: „Wir Nordfriesen sind deutschgesinnt ... Wir lehnen es ab, als ‚nationale Minderheit‘ betrachtet zu werden.“ Die Nationalen Friesen wurden als Verräter gesehen, die den Dänen in die Hände spielten, als „Dano-Friesen“. In ihren Schriften verteidigten sie mit umfassender historischer und kultureller Argumentation ihren Standpunkt. Der grenzpolitische Hintergrund der Auseinandersetzung zeigt sich darin, dass die Formulierung der Bohmstedter Richtlinien wesentlich mitbestimmt wurde von Pastor Johannes Schmidt-Wodder (1869–1959), dem Führer der deutschen Minderheit in Dänemark. Als besonders wichtig wurde die friesische Sprach- und Wörterbucharbeit angesehen, betrieben vor allem von Julius Tedsen (1880–1939) und Albrecht Johannsen (1888–1967).
Auch für die friesischen Vereine bildete die „Machtergreifung“ der Nationalsozialisten einen Einschnitt. Der Nordfriesische Verein erhoffte sich zunächst noch eine Förderung des Friesischen durch die „nationale“ Regierung. Die Nationalen Friesen standen dem Regime skeptisch gegenüber und wurden alsbald misstrauisch beobachtet und drangsaliert. Der Nordfriesische Verein wurde schließlich „gleichgeschaltet“ zum „Heimatbund Nordfriesland“. Führende Vertreter des Vereins wandten sich vom Heimatbund ab oder gaben kritische Kommentare zur nationalsozialistischen, von propagandistischen Zwecken bestimmten Auffassung des Friesischen.
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die rechtlichen Verhältnisse der Minderheiten auf eine neue Basis gestellt. In der Kieler Erklärung von 1949 erhielt die nationale dänische Minderheit weitreichende Garantien. Diese sollten „sinngemäß auch für die friesische Bevölkerung in Schleswig-Holstein“ gelten. Als dieses Dokument 1955 durch die Bonn-Kopenhagener Erklärungen abgelöst wurden, war allerdings von den Friesen keine Rede mehr. Die Gründung des Vereins Nordfriesisches Institut 1948 und die Herausgabe des ersten Instituts-Jahrbuchs 1949 beruhen auf dem Anliegen, den innerfriesischen Gegensatz hinter sich zu lassen. Wissenschaftliches Arbeiten und politische Neutralität wurden zu den obersten Grundsätzen. 1955 beteiligten sich die Nordfriesen an der Verkündung des Friesischen Manifests, das neben der Forderung nach einer zeitgemäßen Entwicklung des Friesischen den Gedanken eines friedlichen Miteinanders in Europa heraushebt. 1965 nahm sodann das Nordfriisk Instituut in Bredstedt als Institution seine Arbeit auf.
In den 1970er-Jahren entwickelte sich in Europa eine starke Regionalbewegung. Daran nahmen die Friesen regen Anteil. Überkommene Positionen wurden diskutiert. Neue Anknüpfungspunkte wie etwa eine neue Deutung des Biikebrennens wurden entwickelt und gesucht. Ein wichtiges Arbeitsfeld ist die Stärkung der öffentlichen Präsenz des Friesischen, etwa im Rundfunk. 1990 erfuhren die Friesen durch die Verankerung in der Schleswig-Holsteinischen Verfassung einen erheblichen Zuwachs an offizieller Anerkennung. Im Artikel 5 heißt es: „Die kulturelle Eigenständigkeit und die politische Mitwirkung nationaler Minderheiten und Volksgruppen stehen unter dem Schutz des Landes, der Gemeinden und Gemeindeverbände. Die nationale dänische Minderheit und die friesische Volksgruppe haben Anspruch auf Schutz und Förderung.“ Wesentlichen Anteil an der Verbesserung der rechtlichen Situation hatte der Landespolitiker Kurt Hamer (1926–1991), der als erster Minderheitenbeauftragte des schleswig-holsteinischen Ministerpräsidenten das „Modell Nordfriesland“ entwickelte. Dessen Ziel ist es, die politischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Bedingungen dafür zu schaffen und zu stärken, dass „Friesen in Nordfriesland Friesen sein können“. 2004 beschloss der Schleswig-Holsteinische Landtag ein „Friesisch-Gesetz“. Bereits vor der Wende hatte es einen intensiven Austausch zwischen den Friesen und den Sorben in der damaligen DDR gegeben, der slawischen autochthonen Minderheit. Deren Förderung wurde 1990 mit der „Stiftung für das sorbische Volk“ auf eine neue Basis gestellt. Inzwischen können die friesischen Vereine, der Friesenrat und das Nordfriisk Instituut auf jahrzehntelange kontinuierliche Arbeit zurückblicken. Jubiläen bieten immer wieder Gelegenheit, Bilanz zu ziehen und einen Ausblick in die Zukunft zu wagen. Die den Friesen zuteil gewordene politische Anerkennung gewährleistet einen großen Teil der notwendigen hauptamtlichen Arbeit. Die von den unterschiedlichen Vereinen getragenen Aktivitäten für das Friesische beruhen allerdings weiterhin auf bürgerschaftlichem Engagement. Friesisch lebt in zahlreichen Initiativen.